Was verstehen Kommunisten unter "Kommunismus"?
Geschrieben von: sk am Dienstag, 17. Mai 2011 um 19:33 Uhr
von Walter Hollitscher, österreichischer kommunistischer Philosoph 1911-1986.
Der marxistische Begriff des Kommunismus meint mit diesem Wort nicht eine unbestimmte Vision, nicht ein ausgeklügeltes Hirngespinst, eine Utopie von einer schöneren Welt, die sich irgendwer für irgendwo und irgendwann wünscht. Marx, Engels, Lenin und ihre Schüler verstanden und verstehen unter Kommunismus auch kein Ideal, nach dem sich die Wirklichkeit zu richten habe. Sie nennen „Kommunismus" die wirkliche Bewegung, welche den Zustand der kapitalistischen Ausbeutergesellschaft endgültig aufhebt: die tatsächlichen Schritte der geschichtemachenden Volksmassen, die ihre eigenen Zwecke verfolgen. Damit ist der Kommunismus zugleich die Lehre von den Bedingungen für die Befreiung des Proletariats. Der marxistische Kommunismusbegriff fußt auf einer wissenschaftlichen Gesellschaftsvoraussage; das heißt: der begründeten Voraussicht des im Klassenkampf Bewerkstelligbaren. Voraussetzung dafür ist die proletarische Revolution, durch die an Stelle der kapitalistischen Herrschaft die Arbeitermacht gesetzt, die Vergesellschaftung der zuvor in Privatbesitz befindlichen entscheidenden Produktionsmittel vollzogen wird und der vom Proletariat mit seinen Verbündeten, unter Führung der revolutionären Partei, gegründete Staat das gesamtgesellschaftliche Leben gemäß einem wissenschaftlichen Plan gestaltet.
Die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft, „Sozialismus" geheißen, entwickelt sich somit nicht auf einer von ihr selbst geschaffenen, sondern auf der ihr vom Kapitalismus überkommenen Grundlage. Der Sozialismus ist daher anfänglich ökonomisch, sittlich und geistig noch mit den Muttermalen der alten Gesellschaft behaftet, aus deren Schoß er hervorkam. In dieser, der ersten, Phase gilt der Grundsatz: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen." Dieser Grundsatz bestimmt das Leben in den sozialistischen Ländern von heute.
Diese erste Phase wird allmählich von der zweiten und höheren Stufe der gleichen Gesellschaftsformation abgelöst, in engerem Sinne „Kommunismus" genannt. Er wird bereits auf einer in dieser selben Gesellschaftsformation — nämlich in ihrer entwickelten sozialistischen Phase — geschaffenen Grundlage errichtet. Jetzt kann .bereits der Grundsatz gelten: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen."
Im Kommunismus, wie er soeben bestimmt wurde und wie er im Schöße des Sozialismus im Laufe einer ganzen historischen Epoche heranreift, haben Produktivkräfte, kulturelles Niveau und Bewusstsein der Massen eine hohe Ebene erreicht; das sichert die entfaltete Produktion derjenigen Güter, deren die Massen bedürfen und die dann gemäß ihren Bedürfnissen verteilt werden.
Dieser im Kommunismus erreichbare und nach dessen Etablierung keineswegs allzu ferne Zustand zugleich wachsender und befriedigbarer menschlicher - das heißt: menschlich erzogener gebildeter — Bedürfnisse, wird oftmals missverstanden oder gar entstellt. So erklärte am 1. Oktober 1972 der bundesdeutsche Kardinal Josef Höffner (laut „Rheinischem Merkur" vom 20. Oktober 1972), der Kommunismus verspreche ein „Paradies auf Erden", das es nicht geben könne (Paradiesvorstellungen liegen Marxisten fern und eher Gläubigen 'nahe). Wobei er formulierte: „Ein jeder könne dann, so meinte auch Lenin, ohne jegliche Kontrolle über die Arbeitsleistung... eine beliebige Menge Trüffeln, Automobile, Klaviere und anderes mehr erhalten (Lenin, Ausgewählte Werke II, Moskau 1947). Aber so billig ist der Mensch nicht." - Soweit der Kardinal.
Folgen wir seinem Literaturhinweis, so finden wir an der genannten Stelle (sie bezieht sich auf Lenins „Staat und Revolution" in der Ausgabe der „Werke", Bd. 25, S. 483 f) - jedoch die „zitierte" Stelle in ganz anderem Zusammenhang formuliert!
Lenin schreibt dort im Zusammenhang damit, dass im Kommunismus die Verteilung gemäß den Bedürfnissen möglich ist, folgendes: „Vom bürgerlichen Standpunkt aus ist es leicht, eine solche Gesellschaftsstruktur als, reine Utopie' hinzustellen und darüber zu spotten, dass die Sozialisten jedem das Recht zusichern, von der Gesellschaft ohne jegliche Kontrolle über die Arbeitsleistung des einzelnen Bürgers eine beliebige Menge Trüffeln, Autos, Klaviere und dergleichen mehr zu erhalten. Die meisten bürgerlichen ,Gelehrten beschränken sich auch bis auf den heutigen Tag auf dieses Spotten und verraten dadurch nur ihre Ignoranz und ihre eigennützige Verteidigung des Kapitalismus."
„Ignoranz, denn es ist keinem Sozialisten je eingefallen, ,zuzusichern', dass die höhere Phase der Entwicklung des Kommunismus eintreten wird; die Voraussicht der großen Sozialisten aber, dass sie eintreten wird, hat nicht die heutige Arbeitsproduktivität und nicht den heutigen Spießer zur Voraussetzung, der es fertigbrächte, ... Unmögliches zu verlangen." - Lenin erläuterte darauf die Beziehung zwischen der ersten und zweiten Phase des Kommunismus, von der hier schon die Rede war.
Wenn also Kardinal Höffner an gleicher Stelle „folgert": „Das irdische Paradies ist eine Utopie. Wer aber Utopien nachläuft, fällt die Treppe hinunter", so stützt sich diese Polemik — wie gezeigt — auf eine Fehldeutung, ja Entstellung Lenins seitens des Kardinals oder seiner Reden-Schreiber. Der Kommunismus ist eine wahrhafte Gesellschafts-O r d n u n g mit planvoll entfalteten Produktivkräften und daher auch entfalteten menschlichen Schöpferkräften: Ist doch die entscheidende Produktivkraft der Gesellschaft die Arbeitskraft ihrer Mitglieder!
Die Entfaltung dieser Arbeitskraft ist Grundlage der Entfaltung aller weiterer schöpferischer Kräfte der Menschen: ihrer sich stets erneuernden und erweiternden Fähigkeit des Entdeckens, des Erfindens, des künstlerischen Schaffens und moralisch-politischen Entscheidens.
Die fortschreitende Humanisierung der Gesellschaft ist also mit der Steigerung ihrer vernünftiggerichteten und -verwirklichten materiellen und geistigen Produktivkräfte verbunden. Erst wenn die Produktion nicht mehr auf Klassengegensätze, auf die Ausbeutung der einen durch die anderen gegründet ist, wird solche allseitige menschliche Entfaltung zum Fortschrittsgesetz gesellschaftlichen Lebens.
Während im Sozialismus das gesellschaftliche Eigentum in den Produktionsmitteln noch in zwei Formen auftritt — als staatliches einerseits, als genossenschaftliches andererseits —, entsteht im Kommunismus ein einheitlich-allgemeines Volkseigentum an den Produktionsmitteln. Das bedeutet aber, dass mit dem Übergang zur höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft die Klassen —, die schon in der ersten Phase nicht mehr gegensätzlich, „antagonistisch", waren - als bestimmte Gruppen von Menschen, die mit bestimmten Eigentumsformen verbunden sind, endgültig verschwinden. Während in der ersten soeben genannten Phase noch moralische und materielle Anreize zur Arbeit und Arbeitsqualifizierung vonnöten sind, wird in der zweiten Phase, dem Kommunismus in engerem Sinne, die jetzt hochqualifizierte und abwechslungsreiche Arbeit zum Lebensbedürfnis der im Geiste der neuen Gesellschaft erzogenen Menschen.
All das erfolgt nicht in einem Sprung, sondern in vielen Schritten und auf Grund objektiver Gesetzmäßigkeiten. Während durch bloßen naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt keiner der Grundwidersprüche der kapitalistischen Gesellschaft an sich lösbar ist, ermöglicht im Rahmen der ausbeutungsfreien Bedingungen der kommunistischen Gesellschaftsformation der wissenschaftlich-technische Fortschritt die stetige quantitative, vor allem aber die fortschreitend qualitative Bedürfnisbefriedigung. Nur hier kann zu Recht von einer neuen „Qualität des Lebens" gesprochen werden! Marx, Engels und Lenin nannten die anarchosyndikalistische Vorstellung vom sozialistischen Eigentum als Eigentum nur einzelner Produktionskollektive eine grobe Entstellung des wissenschaftlichen Sozialismus. Jede Schwächung der zentralen Volkswirtschaftsleitung desorganisiert die Wirtschaft und senkt so das Lebensniveau der Bevölkerung. Ebenso falsch, ja abenteuerlich und die Entwicklungsgesetze ignorierend, ist die Vorstellung, es sei möglich, die erste Phase des Kommunismus, den Sozialismus, zu „überspringen" und so direkt in der zweiten zu landen.
Unter den Bedingungen des kommunistischen Aufbaues ist eine bewusste politische Führung unabdinglich. Deshalb ist die Rolle der marxistisch-leninistischen Partei bei der Lösung der großen Aufgaben der neuen Gesellschaft— der Entfaltung der materiell-technischen Basis und der Erziehung kommunistisch denkender wie fühlender Menschen - von entscheidender Bedeutung. Wer diese Rolle unterspielt oder gar leugnet, verkennt, ja verstellt die Fortschrittsaufgaben, vor denen die Menschheit steht und vor denen sie, dann schon im Rahmen des Kommunismus, in aller Zukunft stehen wird.


