Freiheit der Wissenschaft
Geschrieben von: Administrator am Freitag, 23. Januar 2009 um 09:41 Uhr
Ein neuer Versuch den Marxismus zu diskreditieren
Von Werner Seppmann
Mit dem KPD-Verbotsverfahren vor 50 Jahren sollte nicht nur die marxistische Partei zerschlagen werden, sondern auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Marxismus zu einem Straftatbestand gemacht werden. Wohl nur aus Sorge vor einer Blamage gegenüber dem europäischen Ausland wurde auf letzteres verzichtet. Aber der Versuch, den Marxismus zu diskreditieren war damit nur aufgeschoben. 20 Jahre später unternahm es ein sozialdemokratischer Bundeskanzler, jenen, die seine Parolen ("Mehr Demokratie wagen!") für bare Münze nahmen und aus ihrer Marxismus-Beschäftigung (die damals weit verbreitet war) praktische Konsequenzen zogen, mit Berufsverbot zu belegen.
Die Geistesschnüffelei und die systematische Ausschlusspraxis hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Eine widerspruchsbereite theoretische Neugier hielt sich fortan in Grenzen. Wer im öffentlichen Dienst unterkommen oder es im akademischen Raum zu etwas bringen wollte, hielt es für ratsam, seine Neugier zu zügeln. Es bürgerte sich ein, bestimmte Fragen nicht mehr zu stellen und konsequent über die klassengesellschaftliche Realität zu schweigen.
Die einschüchternde Wirkung der Berufsverbote scheint sich mittlerweile ebenso verbraucht zu haben, wie die ideologischen Säuberungsaktionen nach der DDR-Okkupation. Während es fast zu einem geflügelten Wort geworden ist, dass "Marx tot" sei, ist er bei einer jüngeren Generation wieder im Gespräch. Eine UN-Umfrage zu Jahrhundertwende kam zu dem (in dieser Deutlichkeit doch verblüffenden) Ergebnis, dass über 60 Prozent Marx für den bedeutendsten Mann der letzten zwei Jahrhunderte halten. Zu diesem Trend passt auch, dass so mancher, der zwischenzeitlich von seiner marxistischen Vergangenheit nichts mehr wissen wollte, sich seiner Wurzeln besinnt.
Für diese allmähliche Umorientierung gibt es dramatische Gründe. Die kapitalistische Entwicklungsdynamik gefährdet die menschlichen Lebensgrundlagen. Der Abstand zwischen Reichtum und Armut wird immer größer. Soziale Widerspruchsformen, die zumindest in den kapitalistischen Metropolenländern schon als überwunden galten, breiten sich aus. Militärischer Interventionismus und ökologischer Raubbau sind prägende Gegenwartserfahrungen. Wer nicht mit ideologischer Blindheit beschlagen ist sieht, dass der Kapitalismus in die Katastrophe führt. Wer Erklärungen für die Zerrissenheit der Welt sucht, kommt am Marxismus nicht vorbei.
Dass der Marxismus wieder ernsthaft nach seinen Interpretations- und praktischen Veränderungsvorschlägen befragt wird, ist in den Agenturen des herrschenden Denkens nicht unbemerkt geblieben. Neue Widerstandslinien werden aufgebaut und es gehört zur Ironie der Geschichte, dass nun (wenn auch vorläufig noch in "abgemilderter" Form) das nachgeholt werden soll, was vor 50 Jahren gescheitert ist.
Seit einiger Zeit weigert sich die "Verwertungsgesellschaft Wort" (durch die pauschal Copyright-Ansprüche von Autoren abgegolten werden) den wissenschaftlichen Charakter der "Marxistischen Blätter" anzuerkennen. Dass die jahrzehntelang auch von der VG Wort akzeptierte Wissenschaftlichkeit der "Marxistischen Blätter" nun in Frage gestellt wird, kann nur mit dem bescheidenen Aufblühen einer neuen Marxismus-Diskussion erklärt werden. Deshalb wird nach dem Prinzip "Wehret den Anfängen!" gehandelt. Jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern soll wohl, wenn sie offensichtlich nicht mehr über die reflexhafte ideologische Unterwerfungsbereitschaft verfügen, die vor kurzem noch allgemein verbreitet waren, unmissverständlich deutlich gemacht werden, dass sie sich jenseits der Grenze des legitimen Wissens bewegen. Dem marxistischen Denken wird von den geistigen Tugendwächtern (wohl nicht zu unrecht) aufgrund der sich verschärfenden sozialen Widerspruchsentwicklung eine zunehmende Sprengkraft zugetraut.
Trotz ihrer Dürftigkeit sind die Argumente, die VG-Wort-Referenten protestierenden Autoren der "Marxistischen Blätter" mitgeteilt haben, aufschlussreich. Der wissenschaftliche Charakter der Zeitschrift wäre in Frage zu stellen, weil sie "Themen aus allen gesellschaftlichen Bereichen" behandeln würde. Ein wissenschaftliches Publikationsorgan sei jedoch dadurch zu definieren, dass es sich auf ein "spezielles Gebiet" beschränkte, welches der "beruflichen Information und Fortbildung einer eindeutig definierbaren, nach fachlichen Kriterien abgrenzbaren Zielgruppe" dienen würde. "Wissenschaft" soll also durch das Fachidiotentum definiert werden, ein umfassender Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse vermieden werden. Diese Maxime macht aus Sicht der Geistespolizisten durchaus Sinn. Denn die wechselseitige Bedingtheit von Kapitalismus und Aggressionsstrategien, sozialen Spaltungsprozessen und zivilisatorischen Verfallserscheinungen, also den sozialen Zusammenhang zu thematisieren, bedeutet natürlich auch, nach den Ursachen der sozialen Widerspruchsdynamik zu fragen.
Die Sorge der VG-Wort-Bürokratie ist natürlich nachvollziehbar: Wenn die herrschenden Denkverbote nicht mehr akzeptiert werden und versucht wird, den Sachverhalten auf ihren (klassengesellschaftlichen) Grund zu gehen, kann das Wissen praktisch werden, also "berufliche Information und Fortbildung" emanzipatorischen Absichten dienen. Wo kämen wir aber hin, wenn auch Lehrer (und um so mehr Gewerkschafter, Wissenschaftler, Literaten, Künstler, dazu möglicherweise noch "einfache Leute") sich umfassend und jenseits des herrschenden ideologischen Blendwerks über ihre sozialen Verhältnisse informierten, Wissen über den antagonistischen Charakter unserer Gesellschaft sich aneigneten und nach dem Zusammenhang von Mehrwert und Ausbeutung, Reichtum und Armut, also der Realität des Klassenkampfes fragen würden? Womöglich zu einer sozialistischen Gesellschaft!
aus: unsere zeit - zeitung der dkp


